Fernsehen als Taktgeber

Das Fernsehen hat sich über die letzten zwei Jahrzehnte zu einem überaus dominanten Massenmedium entwickelt. Mit dem Aufkommen der Privatsender Ende der 1980'er Jahre stieg das Angebot an verschiedenen Programmen schlagartig an und nahezu jede Bevölkerungsschicht konnte von den auf die Einschaltquoten angewiesenen Fernsehunternehmen an das Medium gebunden werden. In dem durchaus hart umkämpften Markt ist es immer noch notwendig, möglichst alle potentiellen Zuschauer zu erreichen. Dieser harte Wettbewerb und der damit verbundene Anstieg im Angebot hat zu gravierenden Veränderungen im täglichen Leben geführt. In einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. April 2005 wird diese Entwicklung zunächst durch Zahlen sehr deutlich, die im Rahmen einer Langzeitstudie der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK) erhoben wurden: „Die tägliche Sehdauer hat sich von 167 Minuten (1994) auf heute 210 Minuten (2004) erhöht. Das entspricht einem Anstieg von 25,8 Prozent. [..] Vor allem Erwachsene ab vierzehn Jahren, die in Ein-Personen-Haushalten leben, sehen mehr fern: Saßen sie im Jahr 1994 noch 233 Minuten vor dem Bildschirm, so waren es im vergangenen Jahr 311 Minuten. Mit einem Anstieg um 33,1 Prozent sind sie die größte Nutzergruppe.“ [1] Ferner läßt sich aus der Studie entnehmen, dass Frauen im Durchschnitt täglich 25 Minuten länger fernsehen als Männer. Der Fernsehkonsum bei Kinder zwischen drei und 13 ist allerdings nahezu gleich geblieben auch wenn z.B. der Spartensender KiKa seinen Marktanteil ausbauen konnte. Über die sozialen Auswirkungen läßt sich aus den Zahlen freilich wenig ableiten. Der Artikel benennt hier lediglich das Phänomen des „Cocooning“. Das bedeutet, dass ein Großteil der Deutschen offenbar in ihren Wohnungen verbleibt und dort (beispielsweise vor dem Fernseher) ganze Wochenenden verbringt. „Gingen vor zwölf Jahren noch 17 Prozent abends aus, sind es heute nur noch 5,9 Prozent. 'Der Fernseher ist zum Taktgeber geworden', sagt Daniel Haberfeld, Leiter der Medienforschung von Seven One Media, der Vermarktungsgesellschaft der Sender der Pro Sieben Sat.1.“ [1] . Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich allerdings eine wesentliche Umwälzung. So ist es vollkommen üblich geworden den eigenen Tagesablauf auch vorrangig nach dem Fernsehprogramm auszurichten und z.B. pünktlich zu einer Lieblingssendung nach Hause zu fahren. Hierzu erschien im Nachrichtenmagazin „Stern“ in der 35. Ausgabe vom 25.08.2005 ein Artikel, in dem zahlreiche Fallbeispiele vorgestellt wurden, in denen ehemalige Fernsehzuschauer, die nun auf das Medium verzichten, erklären, wie sich ihr Leben dadurch verändert hat. Ein häufiger Effekt des Taktgebers Fernsehen spielt sich in den Abendstunden ab: „Früher bestimmten ARD und RTL, wann die Familie zu Abend aß: zwischen „Marienhof“ und „GZSZ“.“ [3]Und in der Tat ist dies durchaus ein verbreitetes Phänomen. Häufig beginnt der tägliche Fernsehabend auch mit der „Tagesschau“ oder den unterhaltsameren Nachrichtensendungen der Privaten. Kinder stehen an Wochenenden teilweise früher auf als unter der Woche, um nicht die entsprechend ausgestalteten Vormittagsprogramme zu verpassen. Mit täglichen Serien und etablierten Sendeplätzen hat das Medium Fernsehen eine unheimliche Wirkung auf die Portionierung unserer Zeit, ohne das die Zuschauer wirklich wahrnehmen, dass ihr Alltagsrhythmus bestimmt wird. Durch die Vollzeitprogramme der meisten Sender hält diese Wirkung auch konsequent an, spezielle Spartenkanäle wie Neun Live oder der Einkaufskanal QVC, deren Programm immer nach demselben Schema verläuft und bei denen sich das Nachmittagsprogramm inhaltlich nicht vom Abendprogramm unterscheidet, machen die tatsächliche Zeiteinteilung sogar unerheblich. Und dabei wird jede sozialen Gruppe, jede Gehaltsklasse und jeder IQ durch eine extra für ihn ausbalancierte Sendung bedacht. Kultureller Anspruch auf Arte, fleischgewordene Groschenromane, die sogenannten Daily Soaps oder neuerdings auch die Telenovelas, auf den Privaten und Öffentlich-Rechtlichen Sendern in jeder Form und Ausprägung. Anspruchsvolle Satire (Scheibenwischer, Harald Schmidt, Mitternachtspitzen), die mediale Selbsthilfe (Supernanny, Domain, Lebe dein Leben), Fäkalhumor, RealityTV (Big Brother, Das perfekte Dinner, Die Burg) oder jede Art von Spielfilm, Fernsehen ist das kalte Buffet, an dem jeder satt wird. „Nicht umsonst ist das Thema Unterschichten-Fernsehen so breit diskutiert worden: Soziologen sagen, dass das Fernsehen von heute die Gesellschaft spalte und nicht, wie früher, vereine. Die Klugen werden klüger, die Dummen dümmer.“ [3] Und sie macht die Taktgeberfunktion des Fernsehens erst möglich. In vielen Science-Fiction Romanen wie „1984“ oder „Träumen Roboter von elektrischen Schafen“ aber auch in Filmen wir „Running Man“ ist die Funktion des Fernsehens daher eine überspitzte Vorreiterrolle in der Beeinflussung und Kontrolle der Massen. Wenn in Benthams Panoptikum noch ein Wächter nötig war, um sicherzustellen, dass man die Kontrolle über die Gefangenen behält dann genügt offenbar heute ein breites Fernsehprogramm um die Menschen von jeglicher anderen Beschäftigung abzuhalten. Es scheint mir offensichtlich, dass das Fernsehen vor allen anderen Massenmedien -weil es in jedem Haushalt verfügbar ist und selbst der untersten sozialen Schicht als unbedingt notwendiges Medium zugestanden wird- eine zentrale Kontrollfunktion erfüllt, weil es zum Einen Informationen gezielt verbreitet, die von der Mehrheit adaptiert werden und weil es zum Anderen eben eine strukturgebende Funktion bekommen hat wie kein anderes Medium jemals zuvor. Damit haben wir die Fortsetzung eines Phänomens, welches schon Foucault seinerzeit beobachtete, gefunden: die Unterwerfung des Menschen unter einen externen Steuerungsmechanismus -bei Foucault war das noch der Raum oder eine spezielle Form von Riten besonders im Arbeitsalltag zu Zeiten der Industrialisierung-, die zentralisierte Reglementierung des Körpers -und beim Fernsehen möglicherweise auch des Geistes- und die damit verbesserte Kontrollierbarkeit. Es ist gar nicht nötig, dass das Medium Fernsehen auch als Kamera fungiert, wie es Orwell in "1984" beschrieben hat, denn schon in dieser unidirektionalen Form erfüllt es einen Teil der Wirkung des Panoptikums, weil man darüber 'jeden' Menschen erreichen und jeden Menschen zu einem Wärter in einem virtuellen Panoptikum machen kann. möglicherweise damit er sich gegenüber denen, die ihn beobachten, nicht im Nachteil fühlt. Ich werde im letzten Teil der Arbeit zeigen, dass für die andersgerichtete Kommunikation, für das 'Beobachtet Werden', andere moderne Angebote genutzt werden, die das mediale Panoptikum vervollkommnen.

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Last updated: Sun, 27 Jun 2010 - 0:56:56